11. November 2025
Kirche und Macht
Machtmissbrauch auch im kirchlichen Kontext
Um die Kirchenvorstandswahl 2024 erlebt eine Kollegin, die seit etwa 10 Jahren im Dienst ist, wie sich im Kirchenvorstand auf einmal die Atmosphäre ändert. Unter dem Tagesordnungspunkt "Verschiedenes" fragt der Vorsitzende nun wiederholt in den Sitzungen unangekündigt ab, ob und wie die Kollegin diese und jene Aufgabe erledigt habe. Dazu kommen in Frageform gekleidete Vorwürfe: Gemeindemitglieder (deren Namen zu deren Schutz nichts zur Sache täten) hätten sich "irritiert" über bestimmte Gestaltungselemente in einem Gottesdienst gezeigt. Die Gemeinde hätte eine bestimmte Erwartung an Gottesdienste, ob das der Kollegin nicht klar sei? Nach und nach verlagert sich die Kommunikation aus den regulären Sitzungen in andere, unterschiedliche und wechselnde "Kanäle". Es werden viele und lange Emails mit großen Verteilern im cc. geschrieben. Im Gemeindebrief erscheinen Beiträge im Namen des Kirchenvorstands, die nicht in regulären Sitzungen beraten und "freigegeben" wurden, sondern die in einer WhatsApp-Gruppe abgestimmt worden seien. Dass die Kollegin die Teilnahme an dieser Gruppe abgelehnt habe, sei eben ihr eigenes Versäumnis. Innerhalb eines Jahres nimmt der Kirchenvorstandsvorsitzende die Angelegenheiten des Kirchenvorstands und des Pfarramts zunehmend in die Hand, indem er eigenmächtig auswärtige Prediger einlädt, Musikgruppen für Gottesdienste engagiert, die die Kollegin hält, und dazu noch die Stücke verabredet, die gespielt werden sollen. In einem von Frauen ehrenamtlich gestalteten Gottesdienst zum Weltgebetstag ist die Pastorin als Gottesdienstbesucherin zugegen. Nach dem Gottesdienst hört sie, wie eine Frau in den Reihen vor ihr einer anderen gut vernehmlich mitteilt: "Siehst du, es geht auch ohne Pastorin."
Ein Pastor beginnt seinen Probedienst in einer Gemeinde. In einer der ersten Kirchenvorstandssitzungen macht eine Kirchenvorsteherin im Beisein dieses Kollegen die Bemerkung: "Es wäre auch nicht schlimm gewesen, wenn die Pfarrstelle nicht so schnell wiederbesetzt worden wäre." Ein halbes Jahr später geht ein langjährig nebenamtlich beschäftigter Mitarbeiter in den Ruhestand. Er erklärt ausdrücklich (auch gegenüber Kirchenvorstandsmitgliedern), dass er nicht in einem Gottesdienst verabschiedet werden möchte, weil er nicht gerne im Mittelpunkt stehe. An seinem letzten Arbeitstag besucht ihn der Pastor zusammen mit der Kirchenvorstandsvorsitzenden an seiner Arbeitsstelle und überreicht ein Geschenk. Einige Wochen später erreicht den Kirchenvorstand ein Beschwerdebrief aus einer der kirchlichen Gruppen: Es sei eine Respektlosigkeit sondergleichen, dass der Pastor den verdienten Mitarbeiter nicht in aller Form in einem Gottesdienst verabschiedet habe. Auch der betreffende Mitarbeiter signalisiert nun, dass er das eigentlich erwartet hätte. In der Folge gehen auch in diesem Fall unzählige Emails mit großem Verteiler im cc. hin und her, es werden "informelle" Treffen ohne den Pastor anberaumt, in deren Nachgang ihm – wiederum per Email – mitgeteilt wird, dass man von ihm endlich ein Einlenken und Entgegenkommen erwarte. Alle Angebote zur Güte seinerseits – Verabschiedung in einem Gottesdienst, Artikel im Gemeindebrief – werden aber als unzureichend "abgeschmettert".
Diese und andere Erfahrungen waren Anlass und Ausgangspunkt für die Beschäftigung einer Gruppe von Kolleginnen und Kollegen mit dem Thema "Mobbing". Wir haben angefangen darüber zu reden und festgestellt: Wir haben erlebt oder wir erleben gerade Machtmissbrauch im kirchlichen Kontext in unterschiedlichen Gemeinde- und Arbeitssituationen. Anfangs - und auf sich allein gestellt - haben die Betroffen gar nicht richtig verstanden, was überhaupt abläuft. Nach der gemeinsamen systematischen Einordnung sprechen wir von Mobbing: Von Erfahrungen emotionaler und psychischer Gewalt.
Mobbing und die Folgen
Was ist Mobbing? Wikipedia fasst zusammen: Der Begriff Mobbing oder Mobben beschreibt "psychische Gewalt, die durch das wiederholte, regelmäßige, vorwiegend kommunikative Schikanieren, Quälen und Verletzen eines einzelnen Menschen durch eine Gruppe von Personen oder durch eine einzelne Person in überlegener Position definiert ist. Zu den typischen Mobbinghandlungen gehören u. a. Demütigungen, Verbreitung falscher Tatsachenbehauptungen, Zuweisung sinnloser Aufgaben und anderweitiger Machtmissbrauch, Gewaltandrohung, soziale Exklusion oder eine fortgesetzte, unangemessene Kritik an einer natürlichen Person oder ihrem Tun."
Grenzen sind meistens fließend. Natürlich habe ich es im Gemeinde- und Arbeitsalltag immer wieder auch mit "schwierigen" Menschen zu tun: Die Unzufriedenen und Nörglerinnen, die nach übermäßiger Aufmerksamkeit Heischenden und Vielredner, Profilneurotiker und Narzisstinnen. Ich fühle mich oft ausgelaugt und entmutigt, wenn ich mit solchen Menschen zusammen war. Wenn ich eine Email oder WhatsApp-Nachricht von ihnen auf dem Display sehe, stresst mich das. Ich führe Streitgespräche mit diesen Menschen – obwohl die betreffende Person gar nicht anwesend ist. Aber sie treibt mich in Gedankenspiele und Selbstgespräche, in denen ich das loswerde, was ich in direkten Begegnungen im Kontext einer harmonieorientierten Gemeindearbeit nicht aussprechen kann.
Das alles gibt es, und das kann auch belastend sein. Mobbing im eigentlichen Sinn (das sogar eine Straftat darstellen kann) ist es erst dann, wenn eine Person gezielt ins Visier genommen wird, mit der Absicht, sie auszugrenzen, auszuschließen, wegzuhaben, und wenn die damit verbundenen Methoden und Vorfälle regelmäßig und über längere Zeit vorkommen. Die Folgen sind gravierend: Menschen, die Mobbing-Handlungen ausgesetzt sind, reagieren mit körperlichen oder psychischen Beschwerden. Andauernde seelische Gewalt bringt alle Betroffenen irgendwann aus dem Gleichgewicht. Sie äußert sich in Gefühlen der Hilflosigkeit oder Wut, in Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Depressionen oder Ängsten.
Gewalterfahrungen mit und in der Kirche
Im Januar 2024 hat ein unabhängiger Forschungsverbund („ForuM“) die erste bundesweite Studie zu Ursachen und Folgen von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche präsentiert. Die Ergebnisse haben enthüllt, wie stark bestimmte innerevangelische systemische Faktoren und spezifisch evangelische Phänomene Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt begünstigt haben und noch immer begünstigen. Die Stichworte dürften inzwischen hinlänglich bekannt sein: Das protestantische Selbstbild der eigenen Fortschriftlichkeit als offene und liberale Kirche oder die Erzählung, es gäbe "bei uns" keine strukturellen Probleme. Die Konfliktunfähigkeit in einem "Milieu der Geschwisterlichkeit" und auch die damit verbundene Verantwortungsdiffusion.
Ein Mosaikstein im breit angelegten Prozess der Diskussion und Aufarbeitung des Themas war ein Werkstatttag am 10. Dezember 2024 im Congress Centrum Hannover unter dem Titel "Auf dem Weg hin zu einer machtsensibleren Kirche". Eingeladen waren beruflich Tätige aus Pfarrämtern, Jugendarbeit, kirchlichen Einrichtungen, Kirchenmusik, Diakonie und Verwaltung sowie ehrenamtlich Mitarbeitende aus Leitungsgremien.
Ein Kollege im Ruhestand und ich hatten zu diesem Werkstatttag, der in der Form eines "Barcamps" stattfand, eine Session unter dem Titel "Mobbing, Stalking & Co: Emotionale Gewalt – innerkirchlich" angemeldet. Kolleginnen und Kollegen aus unserem Kirchenkreis waren bereit, von ihren Erfahrungen zu berichten. Unser Anliegen war, deutlich zu machen, dass Gewalt viele Formen annehmen kann. Dass Menschen neben sexualisierter Gewalt in der Kirche in einem nicht zu unterschätzendem Maß auch Formen von Mobbing durch persönliche Angriffe, Verleumdungen, Bedrohungen, Mailterror und ähnliches erleben. Und dass sich die Erfahrungen der Betroffenen gleichen: Sie suchen nicht selten die Schuld bei sich selbst, holen sich aus Scham zu spät Hilfe und stoßen dann häufig auf Unverständnis oder Hilflosigkeit. Die Folgen können bis zu Stellenwechsel oder Dienstunfähigkeit reichen.
Die Resonanz auf unser Angebot hat deutlich gemacht: Beim Thema "Mobbing/emotionale Gewalt" gibt es ein großes Dunkelfeld.
Eine vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales beauftragte repräsentative Befragung im Jahr 2023/2024 hat gezeigt, dass ca. 6,5% der Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz Mobbing erleben und erleiden. (BAMS, Seite 8). Von den 19 Workshop-Teilnehmenden (die mehrheitlich nicht zur Gruppe der Ordinierten gehörten!) hatten 18 eigene Mobbingerfahrungen am Arbeitsplatz. In Gemeindesituationen genauso wie in landeskirchlichen Arbeitsstellen und Ämtern. Durch Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher. Durch Kolleginnen und Kollegen. Durch Vorgesetzte und Superintendenten. Alle beklagten eine Kultur des „Wegsehens“ und der Verantwortungsdiffusion. Niemand konnte berichten, dass sich eine solche Situation für sie oder ihn als Betroffene/r im Guten aufgelöst hätte. Es blieben oft tiefe Verletzungen und Kränkungen zurück. Kein Wunder, denn Mitarbeitende der Kirche zeichnet in der Regel eine hohe Identifikation mit ihrer Arbeit aus. Oft wird der Beruf als "Berufung" empfunden. Umso mehr trifft auf kirchliche Mitarbeitende die Feststellung zu: "Neben der Sicherung des Lebensunterhalt und der Weiterentwicklung der fachlichen Fähigkeiten hat die Arbeit für die meisten Menschen auch die Funktion, soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Die Gestaltung dieser Beziehungen hat Einfluss auf das Wohlbefinden, die Gesundheit, Motivation, Arbeitszufriedenheit und Leistung der Erwerbstätigen." (BAMS, Seite 8)
Die Teilnehmenden waren sich einig, dass die Aufarbeitung von Gewalterfahrungen in der Landeskirche auch Erfahrungen mit psychischer und emotionaler Gewalt aufnehmen muss. Schutzkonzepte müssen auch Mobbing-Prävention beinhalten. Auch im Interesse der Institution. Sieht man einmal von der persönlichen Tragödie betroffener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab, kann sich kein Unternehmen Mobbing leisten. Mitarbeitende, die Schikanen oder Diskriminierungen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind, leiden unter den Folgen – und das Unternehmen leidet mit. Daher sollte auch der Landeskirche daran gelegen sein, die Arbeitsumgebung ihrer Mitarbeitenden so zu gestalten, dass Mobbing gar nicht erst möglich ist oder zumindest im Keim erstickt werden kann.
"Ungedeihlichkeitsparagraph": Schutzlos gegen Mobbing
Als markanter "Spezialfall" einer konfliktscheuen Kirche wurde auch das Pfarrerdienstrecht der EKD mit seinem "Ungedeihlichkeitsparagraphen" thematisiert (§80). Er macht Amtsträger in Konflikten schutzlos, weil die Idealvorstellung die konfliktfreie Gemeinde ist. Wird dieses Ideal verfehlt, muss der jeweilige Pfarrer/die jeweilige Pfarrerin gehen, selbst wenn er oder sie das Opfer von Mobbinghandlungen ist, die von ehrenamtlich Mitarbeitenden ausgehen!
Der Werktstatttag liegt jetzt ein halbes Jahr zurück. Die Ergebnisse der Sessions des Werkstatttags sollen von der Planungsgruppe gesichtet, aufbereitet und veröffentlicht werden und dann im Dialogprozess zur ForuM-Studie aufgenommen und weiterentwickelt werden.
Wir sind gespannt, wann und wie es weitergeht.
Marion Schmager,
Pfarrvereinsblatt 02.2025
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